Auf den Spuren der Gnus

Das Serengeti-Ökosystem ist eines der größten und bekanntesten Wildschutzgebiete unserer Erde. Die Artenvielfalt, aber auch die Masse der Tiere, vor allem die großen Huftierherden machen sie zu einem einmaligen Naturschauspiel, sowohl für Naturfreunde als auch für Wildlife-Fotografen. Denn wo riesige Herden von Beutetieren durchziehen, sind natürlich auch die Raubtiere nicht weit.

 

Die wesentliche Grundlage des gesamten Ökosystems sind die im Jahreszyklus das ganze Ökosystem durchwandernden Huftierherden, vor allem der Gnus. Auf der ständigen Suche nach frischen, aber auch verschiedenen Grassorten, die sie für ihre Ernährung benötigen, legen sie riesige Entfernungen zurück.

Dieser Zug der Gnus und Zebras erfolgt in »single lines«, also einzeln, hintereinander wie an einer Perlenkette aufgereiht, dies oft von Horizont zu Horizont. An Wasserstellen, Flussfurten und Gebieten mit frischem Gras kommt es dabei immer wieder zu Ansammlungen großer Herden von manchmal mehr als 100.000 Tieren.

 

Man schätzt den Gesamtbestand auf über 2 Millionen Gnus, wovon mehr als 1 Million Tiere ständig auf Wanderschaft sind. Dabei grasen sie das Ökosystem nicht nur ab, sondern revitalisieren es auch durch Millionen Tonnen von Dung, der zudem noch von Pillendreher-Käfern über weite Flächen verteilt wird.
Bei diesen Huftierbestandszahlen und den Tausenden davon lebenden Raubtieren könnte man doch eigentlich davon ausgehen, dass man zu jeder Jahreszeit an jedem Fleck im Serengeti-Ökosystem Massen von Wildtieren vorfindet.  Das ist aber nicht so.

Die Ostwest-Ausdehnung des gesamten Gebiets beläuft sich auf ca. 200 km, die Nordsüd Ausdehnung auf ca. 180 km. Dazu halten sich die Tiere auch nicht immer innerhalb der Grenzen des Serengeti-Nationalparks oder der Massai-Mara auf. Natürlich werden Sie trotzdem auch auf einer Standardsafari überall Wildtiere sehen, aber die einmaligen Naturschauspiele und Dramen finden zu ganz bestimmten Jahreszeiten in zum Teil eng einzugrenzenden Gebieten statt.


Der Jahreszyklus dieser Herdenwanderungen beginnt nach dem Einsetzen des »Short Rain« im Januar/Februar mit den Massengeburten der Gnukälber in der Ngorongoro Conservation Area und in der Südserengeti.

Wir starten unsere Reise auf der klassischen Route in die Serengeti über den Ngorongoro-Krater zur Geburtenphase der Gnus in die Ngorongoro Conservation Area und in die Südserengeti, wobei dieses Gebiet bis zum Einsetzen der Regenzeit im April weiterhin sehr interessant bleibt. Die Massengeburten der Gnukälber sind ein einmaliges Naturdrama. Hunderttausende von ihnen werden über einen Zeitraum von wenigen Wochen geboren und locken dadurch große Mengen von Raubtieren an. Die neugeborenen Kälber werden von der ersten Sekunde ihres Lebens in großen Mengen von Raubkatzen, Hyänen, Schakalen und anderen Fleischfressern bejagt. Nur die Masse der neugeborenen Kälber schützt die Art vor dem Aussterben, etwa zwei Drittel der Kälber überleben auf diesem Weg.
Im Mai, zum Ende der Regenzeit, erkämpfen sich die Gnubullen in der südlichen und in der Zentralserengeti ihre Harems zur Paarung. Die Gnubullen liefern sich beim Kampf um ihren Harem unerbittliche, manchmal aber auch spaßig aussehende Kämpfe. Durch die Anwesenheit der Gnuherden sind natürlich auch hier reichlich Raubtiere auf Beutejagd.
Anfang Juni, mit fortschreitender Trockenzeit, folgt die Sammlungszeit der großen Herden in der südlichen und zentralen Serengeti. In der Moru-Region beginnt nach dem »Moru Crush« die »Great Migration«. Hier teilen sich die großen Herden in einen zentralen Flügel, der über die Zentralserengeti direkt nach Norden zur Massai-Mara in Kenia zieht, und in einen westlichen Flügel. Der westliche Flügel zieht im Juni zunächst in den »Western Corridor« der Serengeti zum Grumeti- River, nur rund 30 Kilometer vom Viktoriasee entfernt. In der Kirawira-Region werden die Herden bei der Überquerung des Grumeti-Rivers dann von den dort lebenden größten afrikanischen Krokodilen sehnlichst erwartet. Für viele dieser Riesenechsen sind die einmal jährlich eintreff enden Gnus die einzige größere Mahlzeit im Jahr. Von dort ziehen die Herden bis Mitte Juli auch weiter nach Norden in die Massai-Mara.

Nun beginnt in der Serengeti die wildarme, extreme Trockenzeit. Deshalb empfangen wir die Gnu-, Zebra- und Gazellenherden ab Anfang August bei ihrem Eintreff en in der Massai-Mara in Kenia. Das Massai- Mara-Schutzgebiet, der nördliche Teil des Serengeti-Ökosystems, ist eines der Reservate mit der höchsten Raubtierdichte unserer Erde. Das Überleben dieser Masse von Raubtieren ist nur durch das ganzjährig vorhandene Nahrungsangebot für ihre Beutetiere, die Huftiere und Warzenschweine, möglich.

Lebensquell dieses Schutzgebiets ist der ganzjährig wasserführende Mara-River mit seinen großen Krokodilen und vielen Flusspferden. Hinzu kommen häufige Regenfälle in den Abendstunden und in der Nacht, die vom nahe gelegenen Viktoriasee heraufziehen. Hauptattraktion der Massai-Mara ist neben den Raubtieren die in der Regel im Juli einsetzende Migration, die Zuwanderung der gewaltigen Huftierherden aus der Serengeti.
Die Überquerung des Mara-Rivers durch die Huftierherden, die sogenannten »River-Crossings« mit manchmal mehr als 100.000 Tieren, sind eines der atemberaubendsten Naturschauspiele, die es auf der Erde gibt. Nicht zuletzt deshalb gehört die »Great Migration« zu den neuen »Sieben Weltwundern« der Erde.


Eine Reise in das Serengeti-Ökosystem ist aber auch eine Reise zurück zum Ursprung der menschlichen Rasse. Dieses Gebiet des großen afrikanischen Grabenbruchs gilt heute wissenschaftlich allgemein anerkannt als die »Wiege der Menschheit«. Auf der Fahrt in den Serengeti-Nationalpark kommen Sie automatisch an der Olduvai-Schlucht vorbei, hier hat Louis Leakey in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts frühmenschliche Knochenfunde ausgegraben. Die Serengeti ist mit 100 Millionen Jahren erdgeschichtlich noch nicht besonders alt und vulkanischen Ursprungs. Die Vulkankette am ostafrikanischen Grabenbruch, zu der auch das Ngorongoro-Kratergebiet gehört, hat über Jahrmillionen einen Ascheregen auf die Serengeti regnen lassen. Daraus sind dann die riesigen ebenen Flächen der großen Grassavannen im südlichen und östlichen Teil des Serengeti-Ökosystems entstanden. In diesem Gebiet wächst auch das nährstoff reichste Gras, vor allem auch sehr kalziumreiche Gräser. Aus diesem Grund ziehen alljährlich die großen Huftierherden zur Geburt ihrer Kälber hierher, um aus den frischen Gräsern möglichst viel Milch für ihre Kälber zu produzieren.

 



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