Nennen wir ihn Simba, geboren im Frühjahr 2005 am Olare-Oreg-River in der östlichen Massai-Mara in Kenia. Zu dieser Zeit teilten sich zwei große Löwenrudel dieses Gebiet und man »stolperte« dort förmlich über Löwen. Fuhr man durch die Flussfuhrten am Double-Crossing nach Süden zum Talek-River oder nach Nordwesten in Richtung Musiara-Airstrip, überall gab es reichlich von ihnen. Dieses Gebiet galt unter Tierfilmern, Tierfotografen und Naturbeobachtern als eines der »löwensichersten« auf unserem Planeten. Löwenbabys oder heranwachsende Löwen fand man dort ganzjährig. Hier gab es auch das ganze Jahr über genügend Antilopen, Zebras und Warzenschweine als Beutetiere zur Ernährung der Löwen. Großtiere wie Büffel wurden dort von den Löwenrudeln gemeinsam erlegt.

Wenn Simbas Kindheit normal verlaufen ist, wird ihm seine Mutter zu Beginn seines zweiten Lebensjahres hier in der Nähe vom Double-Crossing das Jagen beigebracht haben. Am Anfang wird er nicht viel Erfolg gehabt haben, bis er mit etwa anderhalb Jahren sein erstes großes Huftier zur Strecke gebracht hat. Auch jetzt reichte seine Kraft noch nicht aus, es alleine niederzuringen und sein Maul war noch nicht groß genug, das Beutetier durch einen erstickenden Hals- oder Maulbiss zu töten. Seine Löwenmutter wird diesen Kampf einige Zeit beobachtet haben, bis sie einschritt und das Tier getötet hat. Wenige Monate später, mit etwa zwei Jahren war Simba ein perfekter Jäger und konnte alleine und ohne fremde Hilfe auch große Beutetiere zur Strecke bringen. Bald darauf setzte die Geschlechtsreife ein und seine Mähne fing an verstärkt zu wachsen.

Mit zweieinhalb Jahren kam für Simba wohl das erste Schockerlebnis in seinen Löwenleben, als er von heute auf morgen zur Vermeidung von Inzucht aus dem Rudel ausgestoßen wurde. Nun führte er, wie alle jungen männlichen Löwen, zusammen mit gleichaltrigen Brüdern oder fremden Junglöwen ein Nomadenleben. Solange er und seine Kumpane nicht die Stärkeren waren, wurden sie von jedem anderen männlichen Löwen aus dessen Revier vertrieben und manche von ihnen sogar getötet. Mit ihren für junge Löwen typischen Irokesenmähnen waren sie auch noch weit davon entfernt, bei männlichen Rivalen oder auch bei Löwinnen Respekt zu ernten. Simba hatte aber das Glück, in der Zeit des Überflusses aus dem Rudel verstoßen zu werden. Denn jedes Jahr im Sommer, während der Trockenzeit in Tansania, ziehen ab Juli über 1.5 Millionen Gnus, Zebras und Gazellen aus dem Serengeti Nationalpark nach Norden in die viel regenreichere Massai-Mara in Kenia. Diese große Huftier-Migration ist für die Raubtiere der Mara während der gut drei Monate, bis die Herden im Oktober und November zurück in die Serengeti ziehen, ein Leben wie im Schlaraffenland. Die heimischen Löwenrudel beanspruchen in dieser Zeit des Überflusses oft kleinere Jagdreviere, sodass genügend Platz und Jagdbeute für die umherziehenden Löwennomaden bleibt. Wenn die großen Herden ameisengleich in riesigen Massen den Mara-River überqueren, laufen sie den Raubtieren förmlich ins Maul. Dabei entwickeln Löwen auch bei allem Überfluss keine Gier nach immer mehr Beute wie wir Menschen, den sie töten nicht auf Vorrat oder aus Langeweile, sondern nur so viele Tiere, wie sie auch fressen können. Natürlich gönnen sie sich oft nur die besten Stücke von ihren Opfern und überlassen große Teile der Kadaver den Geiern und Schakalen. Simba wird diese Zeit genutzt haben, seine Jagdtechnik zu verfeinern und ist vielleicht bis heute so weit herangewachsen, dass er einen Rudelführer im Kampf besiegen konnte, um dessen Rudel zu übernehmen und sich fortzupflanzen.

Simba wird wohl auch jetzt, im Juli 2009, wenn die Migration einsetzt, wieder für drei Monate im Überfluss leben können. Vielleicht sogar zukünftig noch auf Jahre hinaus, solange die große Huftier-Migration aus der Serengeti anhält. Das Jahr hat aber zwölf Monate und die anderen neun Monate haben sich in der Massai-Mara dramatisch entwickelt. Seit Anfang der Neunzigerjahre sind dort die heimischen Bestände der Gnus, Giraffen, Zebras und Warzenschweine um aktuell bis zu 80 % zurückgegangen. Im September 2007 habe ich gerade einmal eine einzige Löwin am Olare-Oreg-River gefunden. Im April und Mai 2009 sind zeitweise sogar die Löwen der Musiara-Marsh vom Mara-River aus der Mara herausgezogen, um außerhalb des Schutzgebietes, auch unter menschlichen Nutztieren, Beute zu machen. Einige von ihnen wurden dabei durch vergiftete Köder getötet, andere werden wohl Massaispeeren zum Opfer gefallen sein. Die Ursache für den Wildrückgang in der Massai-Mara ist der Ackerbau. Jahrhundertelang lebten die Massai dort als rinderzüchtende Nomaden in einer fast friedlichen Koexistenz mit den Wildtieren zusammen.Trotz der Konflikte mit den Raubtieren wurden diese Tiere von ihnen nicht nachhaltig dezimiert oder ausgerottet, wie es in der westlichen Zivilisation üblich war. Weil die Massai kein Wild aßen, wurden die Huftierpopulationen auch nicht beeinträchtigt. Dann überzeugte man die Massai sesshaft zu werden und bildete mit ihnen rund um die Massai-Mara sogenannte Group-Ranches, ähnlich landwirtschaftlichen Genossenschaften.

Diese Group-Ranches beeinträchtigten die Tierpopulationen der Massai-Mara nur geringfügig, bis man bei der Weltbank die grandiose Idee hatte, auf den fruchtbaren Böden um die Massai-Mara herum Weizen anbauen zu lassen. Nicht für den kenianischen Eigenbedarf, was ja in diesem Land, dessen hungernder Norden seit Jahrzehnten von Nahrungsmittellieferungen der großen Hilfsorganisationen abhängig ist, wenigstens noch gesellschafts- und ernährungspolitisch Sinn gemacht hätte. In unserer westlichen Zivilisation haben wir ja aus den gleichen Gründen jahrhundertelang auch keinerlei Rücksicht auf die Natur und unsere heimischen Wildtiere genommen. Dieser Weizen aus der Mara-Region ist aber fast nur für den Export bestimmt, damit Kenia seinen Zahlungsverpflichtungen bei der Weltbank nachkommen kann. Kenianer selbst essen kaum Weizenprodukte. Die großen Weizenfelder rücken nun immer näher an das Schutzgebiet und schnüren die Massai-Mara mit ihren dadurch stark rückläufigen Wildbeständen immer mehr ein. Vermutlich wird die nördliche Mara in 20 Jahren wohl ganz unter den Pflug gekommen sein, denn welche Banker oder profitgierigen Spekulaten interessieren schon Naturreservate. Diese Begehrlichkeit wird wohl auch vor der Massai-Mara, den nördlichen Teil des Weltnaturerbes Serengeti, nicht Halt machen. Nur eines ist dabei sicher, stirbt die Massai-Mara, reißt sie das gesamte in seiner heutigen Form und Artenvielfalt bekannte Serengeti-Ökosystem mit sich. Vor allem die aktuell vorhandenen mehr als 2 Millionen Gnus können ihren riesigen Futterbedarf nur dadurch decken, indem sie das Serengeti-Okosystem während eines Jahres über rund 2.000 Kilometer auf der Suche nach frischem Gras komplett durchwandern. Wenn die Massai-Mara für rund drei Monate im Jahr als Nahrungsmittelreservoir dieser großen Huftierherden im Serengeti-Ökosystem ausfällt, wird es bei diesen Tieren zu einem gigantischen Populationseinbruch, auf vielleicht sogar nur noch 20 % der aktuellen Bestände führen. Die großen Raubtierpopulationen im Serengeti-Ökosystem würden dadurch vermutlich dem heute auch anderswo üblichen Artensterben ausgeliefert werden. Wir Menschen in der westlichen Zivilisation werden auch dabei wieder bedauernd zusehen, denn wir sind es ja gewohnt, hunderte Millionen Jahre der Evolution für ein paar schnelle Dollar zu opfern. Das haben wir schon immer so gemacht. Löwen und andere Wildtiere können wir uns ja auch im Zoo ansehen. Diese seit Generationen in Gefangenschaft geborenen und völlig degenerierten Tiere haben allerdings mit ihren in freier Wildbahn lebenden Verwandten nur noch den Namen und das Aussehen gemeinsam - sonst fast gar nichts!

Noch gibt es genügend Löwen in der Massai-Mara und Simba wird wohl sein möglichstes dafür tun, dass es auch vorläufig so bleibt. Seine Urenkel werden wir aber kaum noch erleben. Ich glaube nicht, dass sich die Negativentwicklung in der Massai-Mara noch nachhaltig stoppen oder wieder umkehren lässt. Dafür müsste eine Rückbesinnung der Menschen auf die tatsächlichen Werte ihres Daseins und ihrer Umwelt einsetzen. Dass dies nicht passieren wird, zeigt die aktuelle Wirtschaftskrise. Hier wird schon wieder weiter gezockt, als ob nichts Geschehen wäre. Das Ganze auf Kosten der Allgemeinheit, im Besonderen auf Kosten der sogenannten »Dritten Welt« und natürlich auf Kosten unserer Natur und Umwelt. Fast alle handeln weiter getreu dem Wahlspruch von Madame Pompadour »nach uns die Sintflut«. Diese Sintflut kam damals in Form der französischen Revolution. Welche Ausmaße und Auswirkungen die nächste haben wird, weiß niemand. Vielleicht sollten wir alle etwas mehr dafür tun, damit es nicht soweit kommt.

 

August 2009 © by Uwe Skrzypczak

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