Im Januar und Februar wollte ich mit meinen Kameras zurück in die Spur der Gnuherden des Serengeti Ökosystems.
Im Jahreszyklus der großen Gnu-Migration ziehen jedes Frühjahr während der kurzen Regenzeit über eine Million dieser Tiere zu den riesigen Plains in den südlichen Teil des Naturreservats. Sie bringen dort über einen Zeitraum von nur wenigen Wochen Hunderttausende von Kälbern zur Welt.

Die Masse der Gnus weidet dann nicht im eigentlichen Serengeti-Nationalpark, sondern in der Ngorongoro Conservation Area, der Region zwischen dem Ngorongoro Krater und der Nationalparkgrenze. Mit Ausnahme von einigen Waldstreifen in der Nähe von Flussläufen und Seen ist dieses Gebiet eine riesige, fast busch- und baumlose Trockensavanne, die nur zu den Regenzeiten für kurze Zeit ergrünt. In den kurzen Grünphasen wächst dort ein sehr nährstoffreiches Gras, das von den Gnus als Futter zur Milchproduktion für die in Massen  neugeborenen Kälber benötigt wird. Eine so riesige Frischfleischkarawane zieht natürlich Raubtiere wie Hyänen, Geparde und Löwen nahezu magnetisch an. Für Wildlife-Fotografen ist dort im Februar richtig Aktion angesagt.

Ein Hauptdurchzugsgebiet liegt nahe der Ndutu-Lodge. Hier kann man die großen Herden auf ihrem Weg nach Süden und Osten zig Meilen weit offroad verfolgen.

Im Frühjahr 2006 war ich schon einmal dabei gescheitert, dieses Naturspektakel zu fotografieren. Die dafür eingeplanten 10 Tage reichten einfach nicht aus.
Wegen einer anhaltenden großen Dürre mit monatelang ausgebliebenem Regen waren damals erst wenige Gnus in dieses Gebiet gezogen und alles hier Beschriebene fand in dem Jahr erst Wochen später statt.

Ein seltener Schattenspender in der Südserengeti, mein Lieblings-Frühstücksbaum in der »Two big tree area«

Die Ngorongoro Conservation Area in Tansania ist eines der wenigen riesigen Naturschutzgebiete Afrikas, in denen noch Offroad gefahren werden darf.

Wenn man mit Massen von Fliegen, Moskitos, Pferdebremsen und Tsetsefliegen klarkommt, ist es ein Eldorado für Wildlife-Fotografen. Lediglich der Schlamm nach starken Regenfällen oder Feder- und Achsbrüche am Fahrzeug können hier und da den fotografischen Enthusiasmus ausbremsen. Es gibt dort aber trotz der eigentlich möglichen kurzen Aufnahmeabstände zu den Tieren noch ein Problem, ihre teilweise hohen Fluchtdistanzen.

Während der Geburtsphase sind auch weniger scheue Huftiere besonders nervös. Fluchtdistanzen von 100 Metern und mehr sind jetzt normal, selbst die sonst so abgestumpften Hyänen lassen sich gelegentlich davon anstecken und kein Fahrzeug näher als 30 Meter herankommen ohne sofort zu fliehen.

Fotografisch gesehen ist es ein Aufnahmegebiet für sehr starke Teleobjektive, also für richtig lange Tüten.

 

Nun holte mich vor Reiseantritt das Problem der fehlenden, überlangen Brennweite schlagartig wieder ein.
Die Vollformathype hatte ja auch uns Nikonfotografen vor drei Jahren durch die Markteinführung der D3 wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.

Ein 400er war jetzt wieder ein 400er. Die Zeit der überlangen Tüten durch den 1.5er Crop an der D2x war vorbei, wobei dies auch nicht soviel nütze, den die D2x war den Canons sowohl in der Geschwindigkeit als auch durch ihr bereits ab mittleren ISO-Werten auftretendes, starkes Bildrauschen unterlegen.

Man musste sich bei der D2x halt daran gewöhnen, selbst jagende Löwen mit 1/250 Sekunde zu fotografieren, um möglichst nicht über ISO 200 zu gehen, denn dann lieferte die Kamera eine super Bildqualität.

Der geringe, nutzbare Empfindlichkeitsbereich und fehlende, stabilisierte
Superteleobjektive waren wohl auch der Grund, warum man zu dieser Zeit auch im entlegensten Winkel der Erde fast nur weiße Teleobjektive sah.

Mich hat damals vermutlich das VR 200 - 400 mm und ein bei vielen von uns Männern möglicherweise vorhandener Gendefekt, der dafür sorgt, dass wir Auto- und Kameramarken länger treu sein können als einer Frau, vom Wechsel zu Canon abgehalten.
Für die bevorstehende Afrikatour war das VR 200 - 400 mm nun logischerweise selbst mit den von mir ungeliebten Konvertern einfach zu kurz.

Die Anschaffung eines 600er Teles von Nikon hätte bedeutet, noch einmal knapp 10.000 Euro zu berappen, nur um an der D3 die gleiche Telereichweite wie zuvor an der D2x zu haben. Da war kein echter Mehrwert, das wollte mir kaufmännisch nicht wirklich einleuchten.
Nun gab es ja auf dem Markt eine neue Traumoptik, nur leider in der falschen Farbe und mit dem falschen Kamerabajonett - das Canon EF 5.6 800mm L IS USM, also eine richtig lange Tüte neuester Konstruktion.
Und Canon baut dazu mit der neuen Eos 1D Mark 4 eine hyperschnelle, hochauf-lösende professionelle Kamera die zudem über einen 1.3er Crop für noch mehr Telereichweite verfügt. Viele Canonisten haben sich Anfangs darüber aufgeregt, dass die Mark 4 keine Vollformatkamera ist, für mich war es das erste Mal im Fotografenleben, zumindest über einen teilweisen Systemwechsel nachzudenken.
Eine 1D Mark 4 war so kurzfristig nicht mehr zu bekommen, wegen der Olympiade war auch keine Leihstellung für fünf Wochen möglich. Nur eine 1Ds Mark 3 und für noch mehr Telereichweite eine Eos 7D mit 1.6er Crop waren schnell zu beschaffen. Gesagt, getan.

Zwei Tage später stand ich dann vor einem Kindersarg mit Henkel indem ein großes weißes Rohr lag, zwei Kameragehäusen und einem 24-70 mm für Landschafts-fotos.
Mit meinem Nikonzeugs zusammen mussten gut 40 Kilo nach Ostafrika verfrachtet werden.

Der Zollbeamte am Kilimanjaro Airport in Tansania war hocherfreut über mein Eintreffen. Nach zwei Stunden zäher Verhandlung einigten wir uns auf 80 Euro Bakschisch. Weitere sechs Stunden Rüttelpiste und die Optik konnte endlich zeigen, was sie kann.

Brennweitenvergleich, junger Löwe auf den Masai-Kopjes, Entfernung ca. 30 Meter

Nikon D3,                                 Canon 1Ds Mark 3,              Canon EOS 7D,

VR 4.0 200 - 400mm                5.6 800 mm                        5.6 800 mm

1/200,  F 4.0,                           1/350, F 5.6,                       1/125, f 9.0,

ISO 200,                                   ISO 200,                             ISO 200,

Beanbag                                    Beanbag                              Beanbag

Das Canon 5.6 800 mm ist nicht einfach ein extrem langbrennweitiges Super-teleobjekt. Für die Wildlife-Fotografie kann man es im Fachjargon nur als »Wundertüte« bezeichnen. Es hat eine Schärfe- und Kontrastleistung, die ich bei einer so langen Brennweite nicht für möglich gehalten hätte. Vom Gewicht ist es eher vom Typus »Body-bilding-lens«, aber immer noch leichter als ein 600er, und durch die Verwendung der Gegenlichtblende vom 2.8 400er zudem auch kürzer und somit noch sehr schnell einsetzbar. Die IS-Stabilisierung ist neuester Gener-ation und arbeitet so gut, dass geübte Telefotografen bei schlechten Licht-bedingungen notfalls Freihand unter 1/100 Sekunde arbeiten können.

Die Verarbeitungsqualität ist erste Sahne, als läuft satt und zackig. Autofokus und IS-Stabilisierung sind fast geräuschlos. Die schwingungsfreie, sehr robuste Stativ-halterung rastet praktischerweise alle 90 Grad. Also Luxus pur, wenn man an die mitschwingenden Stativhalterchen der Nikon Teleobjektive gewöhnt ist. Nur die Schiebeschalter für Autofokus und IS- oder VR-Einstellungen scheinen alle großen japanischen Objektivhersteller beim gleichen Hersteller zu kaufen und noch für Generationen von Teleobjektiven eingelagert zu haben. Sie machen sich auf dem Beanbag auch an dieser Traumoptik selbstständig. Gewebeklebeband schafft bei über 40 Grad Hitze dahingehend Abhilfe, dass es nach kurzer Zeit abfällt und eine kaum zu entfernende Masse in der Konsistenz eines alten Kaugummis auf den Schaltern hinterlässt.