Für Tierschützer eigentlich eine blasphemische Frage, den Wert einer Art gegen den einer anderen Art abzuwägen. Sie bezieht sich auch nicht auf die Tierarten als solche, sondern auf ihre Wertstellung im Umwelt- und Klimaschutzmarketing.

Der Eisbär ist durch viele Berichte, Fernsehdokumentationen und Bücher über die Auswirkungen der Klimaveränderungen im arktischen Lebensraum zum Indikator, ja sogar zum Symboltier des weltweiten Klimawandels geworden. In Deutschland hat das Eisbärenbaby Knut aus dem Berliner Zoo diese Symbolkraft sogar noch extrem verstärkt.

 

Ein Abschmelzen des Polareises durch die Klimaerwärmung steht außer Frage.

 

Dass die Gefahren des Klimawandels durch die fortschreitende Umweltver-schmutzung für alles Leben auf der Erde über ein Symboltier wie den Eisbären und seinen schwindenden Lebensraum ein so breites, öffentliches Interesse gefunden hat, ist sogar ein Glücksfall für den weltweiten Umweltschutz.
Der Nebeneffekt, der bei uns das Gefühl geweckt hat, dass Eisbären fast unmittelbar vor dem Aussterben stehen, scheint doch etwas übertrieben.

Rund 20 - 25000 Exemplare bevölkern die nördlichsten Regionen unserer Erde, rechnet man wenig erforschte Gebiete seines Lebensraums hinzu, können es auch noch einige Tausend Tiere mehr sein.
Als evolutionstechnisch jüngstes Raubtier unseres Planeten traut die Wissenschaft dem Eisbären nur eine geringe Anpassungsfähigkeit an einen klimatisch veränderten Lebensraum zu. Trotzdem hat er im Mittelalter, als Grönland das streckenweise eisfreie »Grünland« der Wikinger war, die dort Ackerbau betrieben haben, eine stärkere Erderwärmung überlebt. Auch auf ein verringertes Nahrungsangebot hat die Evolution beim Eisbären durch eine Reduktion seiner Körpergröße und seines Gewichts um rund 20 % in wenigen Jahrzehnten reagiert. Dies lässt mich an seiner vermuteten, mangelnden Anpassungsfähigkeit an veränderte Lebensbedingungen doch etwas zweifeln.

 

Der Eisbär ist auch für mich eine wunderschöne und wertvolle Tierart. Wie fast alle Großtiere unserer Erde zählt er natürlich zu den in ihrer Existenz bedrohten Tierarten.

 

Aber was ist mit seinem Rivalen in der Gunst um eine breite Öffentlichkeit und den damit verbundenen Spendengeldern zur Erhaltung seiner Art, dem König der Tiere, dem Löwen?
Löwen kennen wir doch, durch tolle Filmschnitte, die manchmal aus einer Katze fünf gemacht haben, aus Tierdokumentationen in großen Rudeln oder Mengen auftretende Raubtiere oder als ebenso reichlich auftretende, reißende Bestien aus Hollywood - Filmen.


In vielen Gebieten Ostafrikas hilft jetzt aber auch der Filmschnitt nicht mehr weiter, weil es dort gar keine Löwen mehr gibt. Insgesamt hat sich die Menge frei lebender Löwen auf unserer Erde dramatisch auf gerade noch rund 20.000 Tiere reduziert.

In einigen afrikanischen Ländern dürfen sie sogar als Devisenbringer gegen hohe Abschussprämien weiter bejagt werden, obwohl der bekannte Löwenforscher Craig Packer in seinen Studien belegt, dass gerade der häufige Abschuss junger männlicher Löwen, den Arterhalt empfindlich beeinträchtigt. In Kenia, ehemals einem der wildreichsten Länder der Welt, ist die Jagd zwar verboten, trotzdem sind dort neben dem Löwen auch alle anderen Wildbestände um mehr als 75% zurückgegangen.
Denn der Klimawandel hat in einigen Gebieten Ostafrikas bereits heute katastrophale Auswirkungen. Das El-Nino-Phänomen sorgte seit Jahrzehnten für antizyklische Regen- und Trockenzeiten, die Einfluss auf die großen Wanderungen von Huftieren, einer Hauptnahrungsquelle der Raubtiere, hatten. Verringerte Regenmengen und anschließende, nun seit Jahren anhaltende Dürren haben die Probleme auch in Kenia zu einer Katastrophe anwachsen lassen. Ausgetrocknete Böden sorgen für einen immer größeren Ackerbodenbedarf der einheimischen Bevölkerung.

Zur Bewässerung dieser Böden, aber noch stärker für Exportprodukte wie Schnittblumen, Südfrüchte und vieles andere sind ganze Seen und Flusssysteme zu Schlammtümpeln abgegraben worden. Der oft hungernden einheimischen Bevölkerung kann man dafür die wenigsten Vorwürfe machen. Hier fehlt es einfach am Wissen, wie man die Böden durch sinnvolle Fruchtfolgen ertragsreicher macht und nicht bis zur Unfruchtbarkeit auslaugt. Von reiner Profitgier geleitete Großagronomen beschleunigen diesen Prozess durch die Anlage großer Monokulturen.

Den Wildtieren bleibt dadurch immer weniger Platz, den sie sich oft auch noch mit dem Nutzvieh der Einheimischen teilen müssen.

All dies hat die Huftierpopulation in Kenia extrem einbrechen lassen und natürlich auch die Raubtiere stark dezimiert. In ganz Kenia existieren gerade noch 2.000 Löwen, und jährlich nimmt ihre Zahl um rund 100 Tiere ab. Durch diesen Abwärtstrend wird die genetische Vielfalt der kenianischen Löwenpopulation in wenigen Jahren durch Inzucht zerstört sein. In 15 Jahren wird man die letzten Löwen wohl auch in Kenia nur noch in Zoos oder eingezäunten Tierparks finden.

Für diesen Fall könnten wir uns mit den intakten Genpools von rund 3000 Löwen, tausender anderer Raubtiere und den über 2 Millionen großen Huftieren der Serengeti im Nachbarland Tansania beruhigen. Von dort würden vielleicht irgendwann wieder Löwen und andere Wildtiere Kenia zurückerobern. Fatalerweise wird hier ein riesiges Problem übersehen, denn der nördliche Teil des Serengeti-Ökosystems ist das Mara-Ökosystem, und das liegt in Kenia.

Die Lebensader des gesamten nördlichen Serengeti-Ökosystems ist der Mara-Fluss. Durch Abholzung seines wichtigsten Wasserspeichers im Oberlauf, des Mau-Waldes, und durch viel zu hohe Wasserentnahmen für die Landwirtschaft ist sein Pegel auf 60 % des Normalstands gefallen. Sinkt der Pegel deutlich unter 50%, bricht das Mara-Ökosystem in Folge der Austrocknung zusammen.

 

Dieses Gebiet ist zur Trockenzeit in Tansania, während der großen Huftiermigration aus der Serengeti in die Massai-Mara, über drei Monate das Futterreservoir für diese Tiere. Ein Ausfall dieses Futterreservoirs durch einen Zusammenbruch des Mara-Ökosystems in Kenia würde deshalb das gesamte Serengeti-Ökosystem mit sich reißen. Der für diesen Fall wissenschaftlich prognostizierte Populations-rückgang der Huftiere in der Serengeti liegt bei 75 bis 90%.

Dieser Rückgang wird, bedingt durch den dann vorherrschenden Nahrungs-mangel, in einem kurzen Zeitraum ablaufen. Nach Ansicht vieler Wissen-schaftler ist dadurch die normale Regel der Populationsdynamik, wonach Räuber niemals ihre Beute ausrotten können, vorübergehend stark eingeschränkt. Der Nahrungsbedarf der vorhandenen mehr als 10000 großen Beutegreifer wie Löwen, Leoparden und Hyänen in der Serengeti ist so gewaltig, dass die verbleibende Huftierpopulation so stark dezimiert wird, dass sich die Bestände nicht wieder erholen können.

In Folge wird es zwangsläufig zu einem Aussterben der meisten Raubtiere der Serengeti kommen. Die weitestgehend territorial lebenden Löwen werden auch hier die Ersten sein. Dieses Bedrohungsszenario ist viel akuter, als die langsam ablaufende Eisschmelze in den arktischen Regionen.

 

Vermutlich standen wir in diesem Jahr sogar bereits kurz vor dem Weg-brechen der Mara als Futterreservoir der großen Tierherden.

Während der Trockenzeit in Tansania gab es auch in der Massai-Mara, bedingt durch die anhaltende Dürre in Kenia, erst nach zwei Monaten, im letzten Drittel der Huftiermigration, wieder Regenfälle und ausreichend frisches Gras für die Tiere. Wenn nicht antizyklische Regenfälle zur Trockenzeit im Western Korridor und im nordöstlichen Teil der Serengeti für genügend frisches Gras als Futtermittel der großen Huftierherden gesorgt hätten, wären Hundert-tausende von Gnus, Zebras und Gazellen in der Massai-Mara verhungert.

So konnten die Tiere zurückwandern oder länger als üblich in der Serengeti verbleiben.

Die touristisch so beliebte Massai-Mara wäre sonst ein riesiger Tierfriedhof geworden, übervoll mit den Kadavern verhungerter Gnus, Zebras und anderer Tiere. Die Raubtiere der Massai-Mara hätten sich noch einmal so richtig sattfressen können, aber es wäre wohl das letzte Mal gewesen. Danach hätten sie wieder das Nutzvieh der dort lebenden, einheimischen Massai als Nahrungsquelle genutzt.

Die Massai versuchen, dies durch mit Carbofuran, einem extrem starken Pflanzenschutzmittel, vergiftete Köder zu verhindern. KWS (Kenya Wildlife Service) hat gerade wieder von 10 vergifteten Löwen berichtet.

 

Der Schutz des Serengeti-Ökosystems und der dazugehörigen Massai-Mara, aber auch der gesamten Umwelt in Ostafrika, muss wieder deutlich mehr in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt werden. Der Löwe als König der Tiere muss für Afrika ein genauso starker Indikator werden, wie es der Eisbär für die Arktis ist.

 

Ostafrika ist existenziell von den Einnahmen aus dem Safaritourismus abhängig. Tierschutz ist dort nicht nur aktiver Umweltschutz, sondern eine ganz wichtige Komponente der Entwicklungshilfe.

 

Wenn Sie kurzfristig etwas für die Löwen tun möchten, unterstützen Sie über den Button Wildlifedirect (die Naturschutzorganisation von Richard Leakey, dem bekannten Paläoanthropologen) auf dieser Seite die Mitarbeiter von Predatoraware mit ihren Projekten direkt vor Ort im Mara-Ökosystem.

 

Wenn Sie dazu auch langfristig etwas tun wollen, unterstützen Sie mich durch Sponsoring meiner journalistischen Arbeit, damit ich mehr darüber publizieren kann.

 

November 2009 © Uwe Skrzypczak

 

All content © Uwe Skrzypczak - www.serengeti-wildlife.com

No reproduction or printing without a permission.
Free downloads are only for personal use, public sharing, reproduction or public printing without a permission is prohibited.


Leave a comment - Hinterlasse einen Kommentar, danke!

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.